Sommerpause, die triste Jahreszeit für all jene, die dem runden Leder sonst im steten Rhythmus der Wochenenden hinterherreisen. Aus jener Tristesse und dem Schland-Rot-Goldenen Freudentaumel konnte eine rund 40-köpfige Reisegruppe, zusammengesetzt aus BVB-Fans verschiedenster Gruppierungen und Strömungen, für fünf Tage ausbrechen und hatte die Möglichkeit bei der 18. Auflage der „Mondiali Antirazzisti“ in der Nähe von Bologna an den Start zu gehen. Besonders im Fokus stand für die mitreisenden Akteure der Initiative ballspiel.vereint! dabei auch die Mitgestaltung des von Football Supporters Europe (FSE) veranstalteten europäischen Fankongresses, der erstmalig gemeinsam mit der Mondiali stattfand. Bei einer der Veranstaltungen des Fankongresses bekamen zwei Vertreter von ballspiel.vereint! bei einer Podiumsdiskussion unter dem Motto „Keep Football Dirty! Celebrate Rivalries, Fight Discrimination!“ die Möglichkeit, die Arbeit der Initiative, aktuelle Probleme und Zukunftsperspektiven vorzustellen. Neben ihnen waren auch Vertreter_innen anderer Fanszenen, die sich in ihrer alltäglichen Arbeit für eine Fanszene und Gesellschaft ohne Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und sämtliche andere Formen von Ausgrenzung engagieren, an der Diskussion beteiligt. An dieser Stelle sollte ergänzend angemerkt werden, dass sich das Thema, auf Grund der Aktualität der Berichte und der vielfältigen Aktionsformen von Fans gegen Ausgrenzung, leicht verschob und der Fokus vor allem auf dem Austausch über verschiedenste Projekte und der Planung zukünftiger Vorgehensweisen lag.

Der neben dem mit über 200 Mannschaften besetzten Fußballturnier stattfindende Kongress beschäftigte sich am Samstag in einem Workshop mit dem oben genannten Thema, wozu interessante Gäste zu ebenso interessanten Einzelgeschichten geladen waren. Zu Beginn begrüßte der Moderator die rund 50 anwesenden Besucher_innen und stellte die Diskutanten auf dem Podium vor. Jene bekamen im Anschluss die Möglichkeit sich in einem kurzen Eingangsstatement vorzustellen. Den Anfang machte Goran von den White Angels aus Zagreb. Er berichtete den Anwesenden von der sehr mühseligen Arbeit im Bereich der Antidiskriminierung in seiner Stadt, da sich die Mehrheitsgesellschaft, wie leider häufig, oftmals durch ausgrenzendes Gedankengut auszeichne und auch Fangruppen anderer Vereine in seiner Gruppierung eher einen Störfaktor, als eine emanzipatorische Kraft sähen. Vor allem ein noch immer sehr verbreitetes homophobes Gedankengut erschwere ihm und seinen Mitstreiter_innen die Arbeit sehr, da nur sehr vereinzelt auf die Hilfe „von außen“ gebaut werden könne. Dass aber die Opposition gegen antifaschistische Arbeit auch „von innen“ kommen kann, erläuterte Goran im weiteren Verlauf der Diskussionsrunde. Der eigene Präsident bezahle Hooligan-Truppen, um die Arbeit der White Angels mit Gewalt zu unterbinden. Auch humanitäre Hilfsaktionen seitens der Gruppe, wie zum Beispiel das Ermöglichen eines Stadionbesuches für Flüchtlinge, scheinen in den Augen des Präsidenten, aber leider auch von großen Teilen der Mehrheitsgesellschaft, einen Frevel darzustellen. Wäre die Situation nicht so traurig, mensch könnte lachend den Kopf schütteln und solche Geschichten für reines Geschwafel halten. Leider kennen wir solche Verhaltensweisen und Mechanismen von Ausgrenzung nur zu gut aus unserem Alltag und erkennen sie im Verhalten von vielen Mitmenschen wieder, auch in Dortmund.

Dass auch in Dortmund eine Initiative gegen sämtliche Formen von Ausgrenzung existiert, die sich für einen antidiskriminierenden Grundkonsens in der Fanszene einsetzt, wurde den interessierten Zuhörer_innen im Anschluss von zwei Podiumsteilnehmern der Initiative ballspiel.vereint! nähergebracht. Im Eingangsstatement, sowie dem weiteren Verlauf der Podiumsdiskussion, konnte die bereits geleistete Arbeit von ballspiel.vereint!, aber auch die noch vor der Initiative liegenden Aufgaben und Probleme dem Publikum erläutert werden. Vor allem die im Borusseum gezeigte Wanderausstellung „Tatort Stadion 2“ fand bei den Zuhörenden Anklang und verdeutlichte den Besucher_innen das bereits jetzt rege Treiben und die häufigen öffentlichkeitswirksamen Aktionen von ballspiel.vereint! während und abseits der Spiele des BVB. Neben rein auf den Fußball bezogenen Themen wurden hier auch der Einzug von zwei Mitgliedern der rechtsextremen Parteien NPD und DIE RECHTE in den Rat der Stadt Dortmund thematisiert und die möglichen Gefahren für antifaschistische Fans diskutiert.

Über einen besonders tragischen Fall von Gewalt gegen antifaschistische Fans berichtete Filip aus Malmö. Vielen dürfte das Schicksal von Showan Shattak, einem antifaschistischen Ultra von Malmö FF, der beinahe von Neo-Nazis ermordet worden wäre, geläufig sein. Nach dem Mordanschlag musste Showan sogar in ein künstliches Koma versetzt werden und schwebte zeitweise in Lebensgefahr. Glücklicherweise konnte Filip teilweise Entwarnung geben und teilte den Zuhörenden mit, dass sich Showan mittlerweile nicht mehr im Krankenhaus, sondern auf dem Weg der Besserung befände. Dieser Fall eines versuchten Mordes an einem „linken“ Fußballfan, der sich besonders gegen Homophobie im Fußball engagiert, zeigt die Gefahren, denen antirassistisch engagierte Aktivist_innen durch Andersdenkenden ausgesetzt sein können und oftmals sind.

Filip berichtete weiter, dass nach der Attacke auf Showan und zwei Mitstreiter_innen allmählich ein Umdenken in der schwedischen Gesellschaft stattfinde. Antifaschistische Arbeit werde immer mehr wertgeschätzt und rassistisch motivierte Übergriffe würden stärker in den Fokus rücken. Ein solches Umdenken wäre auch in Dortmund und an allen anderen Orten wünschenswert, da besonders nach der katastrophalen „Aufklärung“ der NSU Morde und vielen weiteren unter den Tisch gekehrten Übergriffe von Neo-Nazis dringender Handlungs- und Optimierungsbedarf besteht. Auch die jüngsten Entwicklungen um den Sturm auf das Dortmunder Rathaus durch Anhänger_innen der Partei „DIE RECHTE“ nach den Kommunalwahlen zeigen die noch immer vorherrschenden Ressentiments bei der deutschen Polizei und den Ermittlungsbehörden auf. Diese müssen überwunden werden, sich Nazis in den Weg zu stellen ist kein Verbrechen, kein sogenannter „Linksextremismus“, sondern eine Selbstverständlichkeit!

Einen sehr speziellen Einblick in eine antirassistische Ultra´- und Fanszene lieferte Grico von den „Virtus Fans“ aus Verona. Vielen vermutlich nur durch eine der faschistischsten Fanszenen Europas bekannt, kann Verona, auch in der Wahrnehmung Gricos, noch heute als eine von rechtsextremen und Nazis vereinnahmte Stadt bezeichnet werden. Als eine Alternative zu der von Faschisten beherrschten Kurve von Hellas Verona steht der Amateurverein Virtus Verona, der es zwischenzeitlich immerhin bis in die vierte italienische Liga schaffte, für eine antifaschistische Einstellung auf allen Linien. Durch das wegfallende Interesse am großen Geschäft Profi – Fußball in weiten Teilen der Bevölkerung Veronas, ausgelöst entweder durch die immer repressiveren Maßnahmen gegen italienische Fußballfans in den vergangenen 20 Jahren oder die Vorherrschaft von rechtem Gedankengut beim Stadtprimus Hellas, bildete sich eine mittlerweile sehr aktive Gruppierung um den kleinen Verein Virtus. Dass eine sehr symbiotische Verbindung zwischen dem Verein und seiner Fanszene existiert, verdeutlichte Grico anhand einer Anekdote des Vortages. Er habe einen Telefonanruf vom Vereinspräsidenten erhalten, welcher sich normalerweise den alljährlichen Besuch bei der Mondiali nicht entgehen lasse. Allerdings habe dieser Grico mitgeteilt, er habe die Möglichkeit sich mit einem sehr talentierten Torwart zu Vertragsverhandlungen zu treffen und wollte nun wissen, ob er lieber zur Mondiali kommen oder die Verhandlungen mit dem Spieler führen solle. Ich stelle mir die Situation gerade bei anderen Vereinen vor, bin aber bei der Vorstellung von Franz Beckenbauer im Liegestuhl mit einer lauwarmen Dose Bier und einer Sportzigarette in der Hand gescheitert. Sehr geiler Typ scheinbar, dieser Präsident. Auch der Austausch auf anderen Ebenen funktioniere laut Grico sehr gut, sodass ein geradezu absurd konträres Verhältnis zwischen Verein und Fanszene zu dem Verhältnis der White Angels ihrem Verein herrscht. Es bleibt zu hoffen, dass solche Verhältnisse und ein solches Gedankengut zur Regel werden und dass sich jeder beim Besuch eines Fußballspiels wohl und sicher fühlen kann, egal wo er geboren ist, an was er glaubt, wie er aussieht oder wen er liebt.

Auch Ines vom First Vienna FC aus Wien brachte den Zuhörer_innen ihre Erfahrungen in der Antidiskriminierungsarbeit im Fußballkontext näher. Sie erläuterte, dass ihrem Verein, der Fanszene und auch ihrer Gruppierung, der „Antifa Döbling“, ein positives Verhältnis zu anderen Fanszenen sehr wichtig sei und besonders ein antirassistischer Grundkonsens die Vereinslandschaft auszeichne. Auch auf internationaler Ebene wünsche sie sich eine engere Zusammenarbeit unter den Fanszenen zur Schaffung von Netzwerken und zur Stärkung der antirassistischen Arbeit an allen Standorten. Besonders kritisierte sie die oftmalige Gleichgültigkeit vieler Vereinsvorstände und das teilweise damit verbundene Entgegenwirken gegen Engagement für eine Gesellschaft ohne Rassismus, Sexismus und Homophobie.

Abschließend lud Goran alle Interessierten ein, sich an der Antidiskriminierungs-AG von FSE zu beteiligen und mit an einer weiter vernetzten europäischen und weltweiten antirassistischen Fanszene zu arbeiten. Mit diesem Aufruf wurde der überaus interessante und aufschlussreiche Workshop geschlossen. Neben den vielen gewonnenen Informationen und den kennengelernten Menschen war für ballspiel.vereint! auch die Möglichkeit der Präsentation auf dieser Veranstaltung überaus erfreulich und eine tolle Chance zur Knüpfung neuer Kontakte.

Damit bleibt am Ende nur zu resümieren: Kein Fußball den Faschist_innen, gegen ausgrenzendes Gedankengut in den Kurven dieser Welt und überall sonst!

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