Am 06.03.2016 lud die Initiative ballspiel.vereint! zu einer Veranstaltung mit Ibrahim Arslan, Überlebender des rechtsmotivierten Brandanschlags auf ein Mehrfamilienhaus in Mölln 1992, ein. Bereits am Tag zuvor luden wir ihn und eine Begleitung, mithilfe von Borussia Dortmund, zum Bundesliga-Spitzenspiel gegen den FC Bayern München ein. Ibrahim nutze die Gelegenheit um sich weiter zu vernetzen und ging mit Osman Taşköprü, dem Bruder des vom NSU ermordeten Süleyman Taşköprü ins Westfalenstadion. Am folgenden Sonntag schauten sich rund 70 Personen gemeinsam den Film „Nach dem Brand“ über die Zeit nach dem Brandanschlag mit drei Toten an, um im Anschluss mit Ibrahim Arslan, dessen Schwester Yeliz, Cousine Ayşe und Großmutter Bahide bei dem Anschlag starben, über sein Leben danach und über seine Arbeit gegen Rassismus zu sprechen.
Der Verein „Gegen Vergessen für Demokratie e.V.“ unterstützt Ibrahim Arslan bei seiner Arbeit und finanziert auch Veranstaltungen wie diese.

Wir bedanken uns bei Ibrahim Arslan für den sehr interessanten Nachmittag und geben seine Einladung an der jährlichen, von der Familie organisierten Gedenkveranstaltung vor dem ehemaligen Haus der Familie Arslan in Mölln am 23. November teilzunehmen gerne weiter.

„Nach dem Brand“ – Ein Film von Malou Berlin

Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung wurde gemeinsam die Dokumentation „Nach dem Brand“ von Malou Berlin geguckt.

Der Film beschäftigt sich in erster Linie mit der Geschichte der Familie Arslan, nachdem ihr Wohnhaus am 23.11.1992 in Mölln von Rechtsradikalen angezündet worden war. Das Attentat auf die Familie Arslan fällt in eine Zeit vieler rechtsradikaler Angriffe auf Menschen in Deutschland. Im August des Jahres 1992 kam es bereits zu schweren Angriffen Rostocker Bürgerinnen und Bürger auf Wohnhäuser vietnamesischer Menschen im Stadtteil Rostock-Lichtenhagen und im Mai des Jahres 1993 wurden in Solingen fünf Menschen von Neonazis durch einen Brandanschlag auf ein Wohnhaus ermordet. Zusammen mit den rechtsradikalen Ausschreitungen von Hoyerswerda 1991 sind diese vier Ereignisse die wohl ersten, die einen in den Sinn kommen, wenn man an die flächendeckenden rechtsradikalen Ausschreitungen und Morde Anfang der 1990er Jahre in Deutschland denkt. Unser Gast Ibrahim Arslan verlor in der Nacht vom 23.11.1992 auf den 24.11.1992 in Mölln seine Großmutter, seine Schwester und seine Cousine.

Der Film nimmt eine Perspektive ein, die im gesellschaftlichen Diskurs selten berücksichtigt wird. Zu keinem Zeitpunkt werden die Täter seitens der Regisseurin in den Mittelpunkt gestellt. Stattdessen wird sich ausführlich mit der Perspektive der Opfer auseinandergesetzt.

Zum einen beleuchtet der Film den individuellen Umgang mit dem Verlust der Familie und dem Schmerz. Zum anderen wird dem/der ZuschauerIn der zivilgesellschaftliche Umgang mit dem mehrfachen Mord vor Augen geführt. Während Vater, Mutter und Sohn mit dem Verlust ihrer Familie zu kämpfen haben, erfindet die Möllner Öffentlichkeit ihre eigene Wahrheit zum mehrfachen Mord. Obwohl sich die Täter Michael Peters und Lars Christiansen unmittelbar nach der Tat der Polizei stellten und dabei an ihrer Motivation durch ein geäußertes „Heil Hitler“ keinen Zweifel ließen, machten Gerüchte die Runde Ibrahims Vater hätte das Haus selber angezündet. Der daraus resultierende Konflikt zwischen der Möllner Gemeinde und der Familie Arslan spiegelt sich noch heute in der Form des Gedenkens an das Attentat wider. Große Teile des sozialen Umfelds der Familie wirkten auf Ibrahims Vater ein, aus Mölln wegzuziehen. Doch dieser entschied sich dagegen um eine differenzierte Aufarbeitung der Anschläge gemeinsam zu gewährleisten. Im Film betont er, dass nicht eine ganze Stadt zum Täter werden kann. Er kämpfte für die Etablierung eines Erinnerungstages in Mölln und ist überzeugt, dass es ihn ohne diesen Kampf gegenwärtig nicht geben würde. Durch diese Arbeit möchte die Familie Arslan verhindern, dass so etwas noch einmal passiert, und deutlich machen, dass es die Familie Arslan noch gibt und es die rechtsradikalen Mörder nicht geschafft haben die Familie auszulöschen.

Im Film wurde deutlich, dass das jährliche Gedenken in Mölln und die wiederkehrende Auseinandersetzung mit dem Verbrechen die Familie schwer belastet. Ibrahims Frau wünscht sich, dass ihr gemeinsamer Sohn nicht mehr jährlich nach Mölln zur Gedenkveranstaltung seiner Familie reisen muss. Ibrahim selbst leidet unter chronischem Husten, der sich mit Blick auf die Gedenkveranstaltung jedes Jahr aufs Neue verstärkt. Nichtsdestotrotz nutzte er die Gelegenheit alle Anwesenden herzlich zur nächsten Veranstaltung am 23.11.2016 einzuladen.

Dieser Umstand macht deutlich, vor welchem innerfamiliären Konflikt die Opferfamilie jährlich widerkehrend steht. Zum einen sehen sie es als ihre Aufgabe an, das Gedenken an ihre Toten nicht zu vernachlässigen und diese Gelegenheit zu nutzen um rassistischen Verbrechen in Zukunft vorzubeugen. Auf der anderen Seite belastet die lebendige Erinnerungskultur die Familie bis in die Folgegeneration hinein sowohl psychisch als auch physisch. Welchen Umgang Vater und Sohn für sich selbst mit der Erinnerung gefunden haben wird im Film von Malou Berlin gut herausgearbeitet. Ibrahim selbst betont im Film, dass er während des Gedenktages in Mölln steif wie ein Roboter wird und es hasst nach Mölln zurückzukommen. Am liebsten würde er mit dem Kapitel abschließen. Sein Besuch im Westfalenstadion und unsere gemeinsame Diskussion im Anschluss an den Film sprechen eine andere Sprache und verdeutlichen den inneren Zwiespalt des Ibrahim Arslan.
„Seid solidarisch mit Opfern!“ – Ibrahim Arslan

In der anschließenden Diskussion zeichnete Ibrahim die Zeit nach dem Anschlag in Mölln noch einmal nach. Die bereits erwähnte Täter-Opfer-Umkehrung, die durch die Möllner Bevölkerung vorgenommen wurde, ist eine klassische Reaktion auf rassistische Morde innerhalb einer Gemeinschaft. Ibrahim gab uns einen Einblick in die Gefühlslage der Familie, die sich nach dem Brandanschlag nicht nur mit den bürokratischen Hürden des Rechtsstaats herumzuschlagen hatte, sondern auch mit den BewohnerInnen der Kurstadt Mölln. Diese betrachteten seine Familie nach dem Mordanschlag als Schandfleck der städtischen Geschichte, da sie das Bild der Stadt in Deutschland verschandelt hätten.

Ibrahim Arslan machte im Gespräch deutlich, dass nach dem Anschlag auf seine Familie nicht in erster Linie die staatliche Unterstützung wichtig war, sondern der Support solidarischer Menschen. Er hält es für unabdingbar, dass die Opfer rassistischer Gewalt ihre Geschichten selber erzählen können, damit das Gedenken an die Ermordeten nicht von PolitikerInnen instrumentalisiert werden kann. Mit zunehmendem Abstand zur Tatnacht und vor dem Hintergrund der weiteren Entwicklung rechtsradikaler Morde in Deutschland nach 1992 beschäftigt er sich vermehrt mit den Mördern seiner Familie. Er zweifelt inzwischen an der Theorie der autonom handelnden Täter und hält es für möglich, dass Michael Peters und Lars Christiansen auf formelle oder informelle faschistische Strukturen zurückgreifen konnten.

Seine Familie ist inzwischen aus Mölln weg gezogen. Er genießt die Anonymität großer Städte, in denen sein Nachname nicht sofort mit dem Brandanschlag in Verbindung gebracht wird. Diese Anonymität bietet ihm den nötigen Schutz und Rückzugsraum für seine Bildungsarbeit, die er mit Hilfe des Films und der Geschichte seiner Familie an Schulen und auf Veranstaltungen wie der unsrigen macht.

Er betont, dass er sich mit der Opferrolle inzwischen identifizieren kann und sich von Gefühlen der Rache verabschiedet hat. Er interpretiert die Opferrolle offensiv als die stärkere Position, mit der die Verantwortung einhergeht über das Erlebte zu sprechen, aufzuklären und der eigenen Perspektive Raum zu verschaffen.

Wir bedanken uns bei Ibrahim Arslan herzlich für seinen Besuch im Westfalenstadion und hoffen ihn schon bald wieder zu einem Spiel unserer Borussia begrüßen zu dürfen. Ansonsten freuen wir uns ihn und seine Familie am 23.11.2016 bei ihrer eigenen Gedenkveranstaltung vor ihrem ehemaligen Wohnhaus in Mölln unterstützen zu können. Diese findet aus verschiedenen Gründen parallel zur Gedenkveranstaltung der Stadt Mölln statt und ist unabhängig von dieser.

 

Links zu unseren Social Media Kanälen: