Am Freitag, dem 10. Februar 2017, luden wir Antje Grabenhorst mit ihrem Vortrag „Schwule Fotzen?! Sexismus, Homophobie und Selbstermächtigung im Fußball“ ins nagelneue Medienzentrum im Westfalenstadion ein. Etwa 30 Menschen folgten der Einladung ebenfalls. In ihrer kurzen Einleitung wies die Referentin, selbst in einer Ultragruppe beheimatet, darauf hin, dass der Fokus des Vortrags auf der Ultra-Bewegung liege, obwohl Hooligans in diesem Themenfeld ebenfalls spannend seien.

Im ersten Teil erklärte sie dem interessierten Publikum, welche unterschiedlichen Typen von Frauen Fußballspiele besuchen. Neben Aktiven, wie der „Spielerin“, der „Trainerin“, der „Unparteiischen“ oder auch der „Medienexpertin“, gibt es die Zuschauerinnen der Typen „Der Schland-Fan“ und selbstverständlich auch „Der weibliche Fan/Ultra“. Derzeit seien etwa 20-30% der Zuschauer in den Stadien weiblich, in Ultragruppen sogar nur 0-10%. Bei internationalen Großturnieren werden in der Übertragung dennoch etwa 50% Frauen eingeblendet. Diese entsprechen fast vollständig dem aktuellen Schönheitsbild. Hinzu kommt die Kategorie der „Spielerfrau“, dem ersten Berufswunsch der Vortraghaltenden, wie sie augenzwinkernd mitteilte. Letztgenannte Kategorie bezeichnet Frauen, die Spiele ihrer Freunde und Ehemänner besuchen.

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Vor allem medial werden sie sehr stark auf „Klatsch&Tratsch“ und optische Merkmale reduziert. Doch auch aktive Spielerinnen bekommen eine deutlich höhere mediale Präsenz, wenn sie dem gängigen Schönheitsideal entsprechen. Für weibliche Fans/Ultras ist es dagegen häufig schwieriger sich Raum zu nehmen und z.B. nach einem gewonnen Spiel oder während des Torjubels auf den Zaun zu springen. Frauen werden dort deutlich skeptischer beobachtet, ob sie sich das „wirklich verdient haben“. Dies ist jedoch kein reines Problem des Fußballs, sondern ein gesamtgesellschaftliches, welches sich im Fußball besonders zeigt. Fußball ist hier nicht Querschnitt oder Spiegelbild, sondern Zuspitzung der Gesellschaft. In diesem Raum der Heteronormativität, in der es genau zwei Geschlechter gibt und diese ihre jeweiligen zugewiesenen Rollen zu erfüllen haben, zeigen sich schnell Probleme. So sind die der „Weiblichkeit“ zugeordneten Attribute wie „Emotionalität“, „Schwäche“ und „raumgebendes Verhalten“ in den Fankurven nicht gern gesehen und so auch nicht die Personen, die diese angeblich verkörpern. Dies kann neben Frauen auch Transpersonen, Homosexuelle oder einfach als „verweichlicht“ angesehene Männer treffen. Unsere Referentin betonte, dass das Verhalten in der Geschlechterrolle ein erlerntes und deshalb keineswegs von Geburt an gegebenes und unveränderliches Phänomen darstellt. Im Gegensatz zum körperlichen Geschlecht „sex“ (geboren in Männer-/Frauenkörper), handelt es sich beim „gender“ (dem gefühlten Geschlecht) um eine Konstruktion, die durch Erziehung und Sozialisierung geschaffen wird. Eigenschaften die Frauen oder Männern zugeschrieben werden, werden also häufig bedient um Erwartungen erfüllen zu können.

 

 

 

In Europa schreiben wir „Dem Fußball“ häufig die selben Eigenschaften zu wie „Der Männlichkeit“. Wie konstruiert dies ist, zeigt sich schon bei einem Blick über den Atlantik. In den USA gilt 2017-02-10-Vortrag-schwule-Fotzen-3Fußball eher als ein Sport für Mädchen. Hierzulande sanktionierte der DFB noch bis in die 1970er Jahre Vereine, die fußballspielende Frauen unterstützten und prägte so ein männerdominiertes und militärisch anmutendes Bild der Sportart. Dies förderte, dass Eigenschaften, die Weiblichkeit zu geordnet werden, als Negativ empfunden werden, stellen sie doch automatisch das Gegenteil der als „stark, hart und durchsetzungsfähig“ geltenden Männlichkeit. Diese gebildete Verbindung drückt sich auch in der Sprache von Spielern, Fans und Vereinsverantwortlichen aus. Immer wieder heißt es, man müsse „mehr Eier haben/zeigen“ oder man solle nicht so „eine Muschi“ sein, wenn es um mangelndes Durchsetzungsvermögen geht. Noch heute kämpfen Frauen in den Stadien und auf den Fußballplätzen darum, nicht als passives Objekt gesehen zu werden, welches selbst nicht ins Geschehen eingreift, sondern mit dem etwas passiert. Frauen müssen geschützt werden. Ein Angriff auf „Frauen (& Kinder)“ ist ein großer Tabubruch und entgegen eines ‚männlichen‘ Ehrbegriffs. Frauen begleiten ihre Freunde ohne eigenes Interesse am Spiel. Frauen können von Natur aus Abseits eh nicht verstehen. Mädels gehen nur ins Stadion um Jungs kennenzulernen oder als deren Begleitung. Durch dieses Bild der „passiven Begleiterin“ werden Frauen aus vielen Bereichen des Fanlebens ausgeschlossen. Um in der Hierarchie der Tribüne oder innerhalb der Ultragruppen dennoch aufzusteigen oder auch nur daran Teilhaben zu dürfen ist es Bedingung, dass sich auch Frauen der männlichen Grammatik bedienen. Dabei ergeben sich für sie die Problemlagen, dass sie bereits auf den ersten Blick „anders“ sind. Eine auffällige Minderheit und dadurch unter besonderer Beobachtung. Sich hier auch mal frei und positiv über Sex zu äußern, kann sehr schnell den Ruf der „Schlampe“ bringen, es nicht zu tun den des „Mauerblümchens“ oder des „Mannsweibs“, der „Kampflesbe“. So besteht ein dauernder Konflikt um Raum nehmen und Raum geben, um Anpassung und Selbstermächtigung.

 2017-02-10-Vortrag-schwule-Fotzen-2Doch auch bei den Vereinen werden Stereotype gefestigt. Ob rosa Fanartikel, Werbung mit nackter Haut oder Aktionstage, bei denen Frauen mit Rosen, Sekt oder einer Maniküre empfangen werden, dem Abbau von Klischees dient dies sicher nicht. Auch nicht, dass spätestens seit 2011, auch Frauen im Frauenfußball (Ein Begriff, der sich vom „wirklichen“ Fußball abgrenzt) immer weiter objektiviert werden um die Marktgruppe Männer zu erreichen.

Doch es gibt auch Beispiele, wie sich dagegen organisiert werden kann. Neben rein weiblichen Ultragruppen(-sektionen) gibt es die Netzwerke F-In, QFF, Discover Football (ein Berlin-Kreuzberger Frauenteam) und Fusballfans gegen Homophobie. Auch gab es bei vielen Vereinen Aktionen im Stadion zum Thema. Mal von Fans/Ultras organisiert, mal von Vereinen, mal in Zusammenarbeit.

 

Als Fazit wurde festgehalten, dass der Fußballraum von starken Männlichkeitsidealen strukturiert wird. Alles als unmännlich Wahrgenomme wird ausgeschlossen oder abgewertet um so eine Aufwertung des männlichen zu erreichen. Nichtsdestotrotz sind Frauen dennoch Teil des Fußballs und haben hier einen Experimentierraum, setzen sich viele Menschen für Verbesserungen ein und haben damit auch schon viel erreicht. Wichtig ist, dass sowohl Betroffene, als auch Nicht-Betroffene, gegen Sexismus und Homophobie Position beziehen.

2017-02-10-Vortrag-schwule-Fotzen Fazit

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