Der Journalist und Geschlechterforscher Simon Volpers referierte auf Einladung von ballspiel.vereint! vor knapp 40 Leuten im Medienzentrum des Westfalenstadions zum Titel „Ultras – Wo Männer gemacht werden“. In seinem Vortrag widmete Volpers sich der Fragestellung, warum gerade junge Männer von dem Geschehen in Fankurven und Ultragruppen angezogen werden. Es sollte also geklärt werden, welchen Reiz die Fan- und Ultrakultur ausübt und inwiefern dieser Reiz sich auch durch Geschlechteridentitäten erklären lässt.

Dazu stellte Volpers zunächst das Habitus-Modell des französischen Soziologen Pierre Bourdieus vor. Mit Hilfe des Konzepts des Habitus erklärt er die Verhaltensweisen von Personen anhand ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen. Der Habitus wird im Laufe des Lebens von einem Menschen aufgenommen: Verhaltens- und Handlungsweisen werden von Geburt an erlernt und geben die Grenzen des Denkens und Handelns jedes einzelnen vor. Dieses erlernte Verhaltensmuster wird zudem anderen Mitmenschen vorgelebt. Typisch männliche Verhaltensweisen wie beispielsweise breitbeiniges Sitzen oder ein dominantes Auftreten seien demzufolge keine rein persönlich-individuellen Vorlieben, sondern entsprächen einem männlichen Habitus. Dieser Habitus prägt aber nicht nur seine Mitglieder, sondern diese Prägung wird auch von den Mitgliedern – in diesem Fall von den Männern – bis zu einem gewissen Grad erwartet.

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Im Verlauf des Vortrags glich Volpers immer wieder typische Verhaltensweisen der Ultraszene mit dem Modell des männlichen Habitus von Bourdieu ab. Volpers macht dabei in der Ultrakultur mehrere wesentliche Merkmale aus, die auch für Bourdieu charakteristisch für männlich geprägte Gruppen sind:

-Wettkampf als Leitmotiv (Beispiel: Fankurven begegnen sich als gleichgesinnte Kontrahenten)

-Anerkennung durch Männer gleicher Ehre (Bsp.: Ultragruppen erweisen sich gegenseitig Respekt. Diese Anerkennung wird aber nur als Bestätigung angenommen, wenn dieser von anerkannten Gruppen gezollt wird, die ebenfalls der Ultrabewegung entspringen)

-Abgrenzung gegenüber dem Weiblichen und dem als Schwach empfundenen (Bsp.: Frauen sollen nicht in der ersten Reihe oder auf dem Zaun stehen, Schwäche wird als negatives Merkmal empfunden)

-Das Streben nach Dominanz (Bsp.: „Im Osten nur wir“)

-Bildung einer Gemeinschaft (Bsp.: Gruppenstrukturen mit eigener Kleidung, eigenen Symbolen und eigenem Tifomaterial)

-Ein positives Verhältnis zur Gewalt (Bsp.: Ultragruppen, die sich von Gewalt distanzieren werden nicht oder kaum ernstgenommen)

-Risikobeladener Einsatz des eigenen Körpers (Bsp.: Prügeln, Raufen, Saufen, Drogen nehmen, im Stadion alles geben)

-Überschreiten von Regeln (Bsp.: Pyrotechnik im Stadion)

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Volpers nach Gegenüberstellung dieser selektiv ausgewählten Aspekte zu dem Schluss kommt, dass Ultragruppen und Fankurven als ein Konstruktionsort des männlichen Habitus gesehen werden können. Also als ein Ort, in dem Männlichkeit gemacht wird. Die Ultrabewegung sei nach den oben aufgeführten Prinzipien geordnet und deshalb attraktiv für junge Männer, die sich dort ausprobieren, entwickeln und ihre Männlichkeit erproben können. Gleichzeitig sind sie aber auch nach einer gewissen Zeit in einer Umgebung „gefangen“, die diese Merkmale in einer sehr überspitzten Form praktiziert und erwartet.

Volpers zieht das Fazit, dass es wohl nicht möglich sei Ultras von „Grund auf umzukrempeln“. Doch darin liege – trotz aller Kritik – auch nicht die Intention seines Vortrags. Zum einen weil Ultras nicht von gesellschaftlichen Normen abgekoppelt beurteilt werden können. Denn eine Gesellschaft, die von der Hälfte ihrer Mitglieder erwarte, dass sie einem männlichen Verhalten entsprächen, brauche dementsprechend auch Institutionen, in denen das „Mann werden“ ermöglicht werde. Zum anderen sei der Habitus tief in den Menschen eingegangen und dort nicht mehr ohne weiteres zu ändern. So erzählt Volpers auch, selbst in dem „Spiel“ der Fankurven verfangen zu sein und daran Gefallen zu finden. Würde man versuchen, Fankurven und Ultragruppen so zu verändern, dass man die oben genannten Aspekte streicht, bliebe am Ende kaum etwas übrig. Es mache auch keinen Sinn sich selbst oder anderen Beteiligten dieses Spiel und die damit einhergehenden Freuden komplett zu versagen. Allerdings fordert er alle in den Kurven dazu auf, „das Spiel mit Bedacht zu spielen und von Zeit zu Zeit darüber nachzudenken, was man dort eigentlich tut“. Eine „partizipatorischere und vielfältigere Gestaltung“ der Fankultur sei ein erstrebenswertes Ziel. Ebenso wie denjenigen stärker zuzuhören, die in den Szenen unterrepräsentiert sind. Und das seien, nach wie vor, vor allem Frauen.

 

Wer sich den Vortrag anhören möchte, hat hier die Möglichkeit sich einen Audiomitschnitt herunterzuladen. Teilweise ist der Vortrag mit Fachbegriffen gespickt. Trotzdem glauben wir, dass ein grundlegendes Verständnis auch für Personen ohne Erfahrung mit soziologischer Theorie möglich ist.

 

 

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